Feminismus und Femininität – ist das miteinander vereinbar?

Am 27. August 1910 schlug die Sozialistin Clara Zetkin in Kopenhagen die Einführung eines nationalen Frauentags vor. Die Idee kam damals aus den USA, als sich 1908 ein Frauenkomitee gegründet hatte, das im Februar 1909 einen sehr erfolgreichen, nationalen Frauenkampftag ins Leben gerufen hatte.

Damals war das Hauptanliegen dieser Bewegung natürlich das freie, geheime und gleiche Frauenwahlrecht. Es dauerte dann acht Jahre, viele Auf und Abs des Frauentags bis hin zur Illegalität und verschiedene Termine an denen dieser Tag begangen wurde, bis dann 1918 das aktive und passive Wahlrecht für Frauen eingeführt wurde.

Zu Beginn ging es im Feminismus hauptsächlich darum, Frauen möglichst den Männern gleichzustellen. Am Anfang, vor mehr als einem Jahrhundert, ging es dabei vorwiegend um gleiche Rechte wie das Wahlrecht oder auch die Gleichberechtigung beider Ehepartner, sodass Frauen rechtlich nicht mehr ihren Ehepartnern untergeordnet waren.

Frauen, die das alles nicht wollten und sich bewusst der patriarchalen Struktur untergeordnet haben, wurden von diesen Feministinnen scharf kritisiert.

In den Sechzigern und Siebzigern ging es beim radikalen Feminismus vor allem eher um Kulturelle Dinge: Geschlechterrollen, sexistische kulturelle Traditionen, sexistische Narrative, die kulturell tradiert werden, Darstellung von Geschlecht in den Medien und so weiter. Sie haben kritisch beleuchtet, wie zum Beispiel Pornografie oder Prostitution Frauen objektifizieren. Radikale Feministen sind davon ausgegangen, dass das Persönliche politisch ist: Sexismus findet eben nicht nur vor dem Gesetz statt, sondern zieht sich konstant durch unser gesamtes Alltagsleben. Dementsprechend haben sie Wert drauf gelegt, auch im Alltag non-stop Feminismus zu leben.

Genau wie ihre Vorgänger haben sie dabei vor allem drauf geachtet, dass Frauen sich möglichst Männern angleichen und haben alles, was kulturell mit Weiblichkeit assoziiert ist, abgelehnt. Eine gute Feministin war für sie maskulin und hat Qualitäten verkörpert, die üblicherweise mit Männern in Verbindung gebracht werden. Weil sie so stark auf sexistische Strukturen im Alltagsleben geachtet haben, sind sie dabei noch viel weiter gegangen als ihre Vorgänger: sie haben persönliche Entscheidungen von individuellen Frauen, die diese für ihren Alltag gefällt haben, stark verurteilt. Hausfrauen und Frauen ohne beruflichen Ehrgeiz galten als unfeministisch. Frauen, die Kleider und Röcke tragen, galten als unfeministisch. Sexarbeiterinnen und Pornodarstellerinnen galten als unfeministisch.

Oft wurde diesen femininen Frauen nachgesagt, dass sie vom Patriarchat eine Gehirnwäsche verpasst bekommen haben und sich ihm deswegen fügen und mit dem Patriarchat kooperieren: dass sie die allgegenwärtige Frauenfeindlichkeit so stark verinnerlicht haben, dass sie daran nichts Falsches sehen. Die Lösung zur Befreiung der Frauen hieß quasi, dass Frauen die rote Pille schlucken und sich der patriarchalen Umstände bewusst werden.

Radikale Feministen hatten von Femininität (feminin sein) ein sehr einfaches Bild: es war für sie mit Unfreiheit, Unterordnung der Frau und Unterdrückung verbunden. Als maskulin geltende Qualitäten wie Autorität, selbstsicheres Auftreten, Ehrgeiz und Konkurrenzdenken waren für sie die Qualitäten, die zu Macht und Erfolg führen. Die Verbindung zwischen als maskulin geltenden Qualitäten und Erfolg zeigt sich überall: wir nehmen tiefere Stimmen und als männlich geltende Sprechmuster (Intonation etc) autoritärer und kompetenter wahr und haben vor ihnen mehr Respekt. Frauen werden im Beruf eher ernst genommen, wenn sie ihre Kleidung und Frisur an typischem Business-Stil von Männern ausrichten. Da für radikale Feministen im Vordergrund stand, Frauen zu genau soviel Macht und Erfolg wie Männern zu verhelfen, war also ihre Devise, dass Frauen Männer in jeglicher Hinsicht nachahmen sollten.

Die Antwort von radikalen Feministen auf die Frage im Titel dieses Beitrags wäre also ein entschiedenes Nein.

Weil die radikalen Feministen es mit diesen Verhaltensregeln ziemlich übertrieben haben, ist ab den Achtzigern eine andere feministische Strömung als Gegenbewegung entstanden, die manchmal Lippenstift-Feminismus oder Stiletto-Feminismus genannt wird. Am Namen lässt sich schon erahnen, worum es dabei geht: weiblich konnotierte Dinge sollen im Feminismus akzeptiert (oder sogar gefeiert) sein. Stiletto-Feministen haben den radikalen Feminismus stark kritisiert und sich klar davon abgegrenzt.

Stiletto-Feministen haben wie folgt argumentiert:

Im Feminismus geht es drum, dass Frauen die persönliche Freiheit haben, ihr Leben so zu gestalten, wie sie es möchten. Das Patriarchat ist schlecht, weil es Frauen in eine bestimmte Rolle zwängt und ihnen keine Wahl über ihren Lebensweg lässt. Radikale Feministen sind aber genau so schlimm, weil sie Frauen ebenfalls eine bestimmte Rolle aufzwingen, nur eben eine andere. Für Stiletto-Feministen gelten radikale Feministen daher als unfeministische Heuchler. Stiletto-Feministen legen großen Wert auf persönliche Freiheiten und befürworten (im Sinne der Körperautonomie) üblicherweise legale Prostitution und Pornografie. Sie gratulieren Frauen in diesen beruflichen Feldern dazu, so selbstbestimmt mit ihrem Körper umzugehen und sich zum Beisiel nicht durch Slut-Shaming von diesen Berufen abbringen zu lassen.

Weiterhin fanden Stiletto-Feministen den radikalen Feminismus bevormundend gegenüber Frauen, die sich für Femininität entscheiden, weil radikale Feministen die patriarchale Gehirnwäsche dafür verantwortlich gemacht haben und Frauen abgesprochen haben, autonom freie Entscheidungen fällen zu können. Da im Patriarchat Frauen oft bevormundet werden, nicht für voll genommen werden, man ihnen kein kritisches Denken und Urteilsvermögen zutraut und sie stark infantilisiert werden, fanden Stiletto-Feministen diese Art, mit Entscheidungen zur Femininität umzugehen, super patriarchalisch und heuchlerisch.

Stiletto-Feministen haben außerdem als feminin geltende Dinge in ein neues Licht gestellt: während radikale Feministen Maskulinität als etwas inhärent Überlegenes gesehen haben, das eng mit Macht und Erfolg verknüpft ist und das Frauen anstreben sollten, um an Macht und Erfolg teilzuhaben, haben Stiletto-Feministen diese inhärente Überlegenheit von Maskulinität in Frage gestellt und behauptet, dass Femininität nicht inhärent unterlegen ist, sondern nur gesellschaftlich abgewertet wird und dass diese Abwertung einfach nur ein Symptom der Abwertung von Frauen darstellt und auch zur Abwertung von Frauen beiträgt. Wer also Femininität niedermacht, macht damit auch Frauen nieder. Wenn also radikale Feministen diese gesellschaftlich auferlegte Verbindung zwischen Maskulinität und Überlegenheit nicht hinterfragen, sondern reproduzieren, dann sind sie indirekt auch daran beteiligt, Frauen abzuwerten. Die Lösung zur gesellschaftlichen Aufwertung von Frauen liege nicht darin, Frauen möglichst maskulin zu machen, sondern darin, dafür zu sorgen, dass auch Femininität gesellschaftlich anerkannt wird.

Für diese Interpretation gibt es auch viel Evidenz: als maskulin geltende Dinge gelten oft als etwas “Handfestes”, was man ernst nehmen sollte, während als feminin geltende Dinge eher als etwas Belangloses dargestellt werden, was belächelt wird. Männlich konnotierte Berufe werden im Üblichen besser bezahlt.

Dabei geht es nicht immer um gesellschaftlichen Nutzen: obwohl Fußball ein persönliches Hobby ist, durch das ein individueller Fußballfan keinen Wert schafft, erntet man doch oft Spott, wenn man die Abseitsregel nicht erklären kann. Wer dagegen kein Detailwissen zu Mode hat, hat keinen Grund, sich zu schämen: es gilt als unwichtige Nebensache, mit der man sich nicht beschäftigen muss, und viele Leute sind fast stolz drauf, keine Ahnung davon zu haben. Weiterhin haben zum Beispiel Pflegeberufe oder Berufsfelder in Erziehung und Bildung sehr wenig Prestige und werden schlechter bezahlt, obwohl sie enorm viel Nutzen für die Gesellschaft haben. Des weiteren kann man beobachten, dass die Löhne in einer Branche sinken, wenn der Frauenanteil in dieser Branche zunimmt. Das ist ein ziemlich starker Hinweis darauf, dass unsere gesellschaftliche Wertschätzung eben nicht nur davon abhängt, wieviel Wert uns das Berufsfeld wirklich einbringt, sondern auch davon geprägt ist, ob wir es mit Männern oder mit Frauen assoziieren.

Weiterhin kann man auch beobachten, dass Mädchen und Frauen, die männlich konnotierte Dinge tun, eher an Prestige gewinnen und als “cooler Tomboy” und “einer von den Kerlen” gelten: sowas gilt fast schon als Auszeichnung. Jungs und Männer, die weiblich konnotierte Sachen tun, sind dagegen oft das Gespött ihrer Umgebung und verlieren an Prestige.

Während radikale Feministen also eher darauf achten würden, möglichst viele Frauen in prestigereiche Männerberufe (insbesondere in der Wirtschaft und in MINT-Fächern) und diese Frauen dort sehr maskulin und mit viel Selbstbewusstsein und Durchsetzungsvermögen auftreten sollen, würden Stiletto-Feministen eher fordern, dass Frauen auch durchaus Erzieherinnen oder Krankenschwestern werden können, aber dass man das gesellschaftliche Prestige und die Bezahlung in diesen Berufen erhöhen sollte, weil die niedrige Wertschätzung dieser Berufe ein Symptom von Frauenfeindlichkeit ist. Sie würden zum Beispiel auch fordern, dass Frauen durchaus in geblümten Kleidern mit Spitze und Rüschen und mit langen wallenden Haaren zur Arbeit gehen könnten und dass die Gesellschaft gefälligst anfangen sollte, Frauen auch in diesem Aufzug ernst zu nehmen, zu respektieren und sie als kompetente Autoritätsperson wahrnehmen sollte.

Die Antwort von Stiletto-Feministen auf die eingangs gestellte Frage wäre also ein klares Ja.

Mittlerweile ist radikaler Feminismus nicht mehr sonderlich verbreitet: der populäre Mainstream-Feminismus ist eindeutig Stiletto-Feminismus. Alice Schwarzer, eine radikale Feministin der alten Schule, wird von vielen jüngeren Feministen als Dinosaurier mit hoffnungslos veralteten Ansichten wahrgenommen. Die meisten Feministen würden heutzutage also sagen, dass eine Frau feminin und feministisch sein kann.

Lange Rede kurzer Sinn:

Wir wären nicht Aktion Selbst Denken, wenn wir nicht auch aus solch einem Beitrag eine politisch linke Meinung machen würden.

Über Radikalen Feminismus, so wie ihn Aluce Schwarzer oder auch Terre des Femmes e.V. betreibt, haben wir ja bereits einige Artikel geschrieben. Und uns fällt bei der Recherche dazu immer wieder auf, dass so gut wie keine Gruppierung wirklich alle Frauen mit einschließt. Jede der feministischen Gruppierungen schließt mindestens eine Gruppe an Frauen völlig und kategorisch aus:

Radikale Feministinnen schliessen sehr feminine Frauen aus! Lesben schliessen Lesben mit transsexueller Vergangenheit aus! Buchautoren wie J.K. Rowling schliessen Frauen ohne Menstruationshintergrund aus! Feministische Vereinigungen wie Terre des Femmes e.V. schliessen nicht gebärfähige Frauen aus! Sogar selbst Frauen mit einer Variante der Geschlechtsentwicklung und allen Operationen hinter sich, schliessen Frauen aus, die ihre Operationen noch nicht hatten! Hat oder hatte man einen Penis? Ist man eindeutig ein Kerl.

Die Autorin dieses Beitrags ist selbst eine Frau mit einer geschlechtsvarianten Vergangenheit (Transsexualität) und kam also vor 48 Jahren mit einem Penis zur Welt. Sie bezeichnet sich selbst als Stiletto-Feministin, da sie sehr viel Wert auf Weiblichkeit und Femininität legt. Sie erfüllt viele Klischees von sehr femininen Frauen. Sie liebt die Farbe Pink, sie liebt Kuschelsex mit einem Mann, sie liebt schöne Kleider, lange Haare, Puppen und Pferde und…. sie prostituiert sich.

Trotz oder vielleicht sogar gerade deswegen, bezeichnet sie sich aber auch als Feministin! Denn sie kämpft vehement für die Rechte der Frauen – aller Frauen! – auf Selbstbestimmung und sexuelle Freiheit. Sie kämpft dafür, genau so wie die Männer Oberkörper frei herum laufen zu können, wenn es warm ist. Sie kämpft gegen ein Verbot der Sexarbeit / Prostitution. Sie kämpft für ein Recht auf Abtreibung und die Beseitigung des Paragraphen § 218 StGB ff . Sie kämpft dafür, dass andere Frauen, eben jene mit einer Variante der Geschlechtsentwicklung (Transsexualität) bei anderen Feministinnen als Frauen anerkannt werden.

Sie ist das Paradebeispiel einer Feministin, die genauso auch sehr feminin und weiblich sein kann.

Und sie wünscht sich mehr solcher Feministinnen, die mit ihr zusammen für mehr Femininität im Feminismus kämpfen!

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Author: Christin Löhner

Christin Löhner ist Aktivistin. Sie ist selbst eine Frau mit Variante der Geschlechtsentwicklung, also Geschlechtsinkonguenz und engagiert sich sehr stark im sozialen Bereich für ihre Mitmenschen, insbesondere für ihre Mitbetroffenen. Im September 2016 gründete sie die einzige Selbsthilfegruppe für Transsexuelle Menschen im gesamten Bodenseeraum. Seit dem ist diese Gruppe zu einer bundesweiten Selbsthilfeinitiative und Dachverband angewachsen, zur VDGE e.V., der inzwischen aus sieben Selbsthilfegruppen und zwölf Peerberatungsstellen in ganz Deutschland und in der Schweiz besteht. Aktuell besteht diese Initiative aus ungefähr 68 Mitglieder und drei Vereinen, die eng mit der VDGE e.V. kooperieren. Mehr Infos hier: https://www.vdge.org Deutschlandweit begleitet Christin derzeit rund 150 transsexuelle Personen auf ihrem Weg und steht ihnen mit Hilfe und Ratschlägen in allen Fragen und Belangen transsexueller Menschen, oder mit Tipps und Antworten zu Hormonen, Operationen, Ärzten, sowie Mode- und Stilberatung zur Seite. Außerdem hält sie Seminare, Workshops und Vorträge über sexuelle und geschlechtliche Vielfalt, Akzeptanz, Toleranz, Mobbing oder auch Homo- und Transphobie an Universitäten, Schulen und sozialen Einrichtungen und leistet so Präventionsarbeit und Aufklärung. Sie kämpft für die Rechte von Menschen aus dem gesamten LGBTTIQ* Spektrum, vor allem aber natürlich für die von transsexuellen Menschen. Dafür ist sie auch in sämtlichen Medien wie Fernsehen, Radio und Zeitungen ständig präsent. Mehr Infos hier: https://c.loehner.vdge.org/presse/ Christin ist außerdem Landesvorsitzende Baden-Württemberg der Bundespartei Allianz für Menschenrechte, Tier- und Naturschutz und setzt sich im Namen dieser Partei für Menschenrechte und alle Queeren und LSBTTIQ+ Menschen ein. Ab November 2019 kandidierte sie für das Amt der Oberbürgermeisterin von Konstanz, zog ihre Kandidatur jedoch im Februar 2020 wieder zurück, als ein Kandidat die Bühne betrat, der ein fast identisches Wahlprogramm und deutlich mehr politische Erfahrung hatte. Mitte 2019 veröffentlichte sie ihre eigene Autobiographie mit dem Titel "trans(*)parent", in der sie von ihrem Leben, dem Leidensweg und ihrer Transition berichtet, viele Tipps rund um dieses Thema gibt und Informationen bereithält. Mehr Info: https://christin.vdge.org/transparent-die-autobiographie-von-christin-loehner/

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